Donnerstag, 16. Oktober 2014

Vom Fernweh und dem Gras am anderen Ufer

"FERNGEWEHT" - welch schöner Name für einen Reiseblog! Man liest ihn und sofort geht das Sehnen los. Vor dem inneren Auge tauchen Bilder auf, plötzlich hört man Strandgeräusche oder bildet sich ein, dass es nach Alpenkräutern riecht. Sabine, die den Blog "Ferngeweht " betreibt, will dem Phänomen Fernweh auf den Grund gehen und hat darum auf ihrer Seite zu einer Blogparade aufgerufen.


Und natürlich kann ich da nicht Nein sagen, denn Fernweh ist wohl mein zweiter Vorname. Nun will Sabine allerdings ganz genau wissen, was Fernweh für mich bedeutet und was ich dagegen tue, wenn es mal wieder ganz schlimm wird. Also tauche ich ein in meine Sehnsucht und gehe ihr nach.

Grundsätzlich ist Fernweh ein Gefühl, das gar nicht so leicht von der Sehnsucht zu trennen ist. Ich sehne mich oft, meist nach dem, was ich gerade nicht habe. Nach dem Gras, das auf der anderen Seite des Ufers immer grüner zu sein scheint, als auf der Seite, wo ich gerade stehe. Sich zu sehnen hat ja viel mit meinen Bedürfnissen zu tun. Wir sehnen uns nach Nähe, nach Liebe, nach Anerkennung, nach materiellen Werten, nach Gerichtigkeit und und und. Ja und dann gibt es da noch die Sehnsucht, raus zu kommen aus dem Trott, ferne Länder zu bereisen, Neues zu entdecken. Fernweh eben.

Als Kind hatte ich ein unglaubliches Fernweh. Das lag vielleicht auch daran, dass wir in der ehemaligen DDR ja mehr oder weniger eingesperrt waren und natürlich die verbotenen Früchte am verlockendsten waren. Immerhin habe ich es geschafft, alle Ostblockländer zu bereisen, zwar nicht mit Rucksack auf dem Rücken, sondern als Kind auf dem Rücksitz eines Skodas, aber immerhin. Nach der Wende hat mich das Fernweh aus vielerlei Gründen verlassen. Vielleicht hat es sich auch nur zurückgezogen, um mich irgendwann wie ein Tsunami zu überrollen. Das war im letzten Jahr.

Ich bekam das Angebot, nach Russland zu reisen und ich überlegte keine Sekunde. So schnell habe ich noch nie in meinem Leben einen Flug gebucht. Irgendetwas hat mich magisch angezogen und seither ist es um mich geschehen. Wenn es nach der Sehnsucht, nach dem Fernweh ginge, würde ich sofort meine sieben Sachen packen und losziehen.

Nun macht man das aber nicht so einfach, wenn man einen Job hat, Kinder hat, einen ganz normalen Alltag mit Familie, Hund und vielen Verantwortlichkeiten hat. Aber ich suche mir meine Nischen und das mehr und mehr. Ein Wochende hier, eine Woche dort und dann auch mal ein längerer Trip. Ich habe gelernt, dass es wichtig ist, nichts aufzuschieben. Also haben mein Mann und ich eine Liste erstellt, auf der all die Länder vermerkt sind, die wir gern bereisen würden.

Und wenn mich das Fernweh packt und keine Zeit ist zu reisen? Dann steht neben meinem Bett ein Globus auf dem ich reise. Das klingt vielleicht albern, aber es macht Spaß mit dem Finger zu den einzelnen Ländern zu wandern und sich vorzustellen, wie es dort wohl ist. Die Neurologen sagen ja, dass unser Gehirn leicht zu überlisten ist und dass es gar nicht zwischen einer Erfahrung und der Realität unterscheiden kann. Allerdings - so banal ist es dann wohl doch nicht, mein Gehirn auszutricksen, denn all die Erfahrungen und Sinneseindrücke, die mit einer echten Reise verbunden sind, die kann ich mir kaum aus der Konserve holen.

Ja - die Sinne. Die sind der Knackpunkt. Ich bin ein "Sinnesmensch". Ich brauche die Stimmulation meiner Seh-, Hör- und Geschmacksnerven. Ich brauche es, kinästhetisch und taktil angeregt zu werden. Reisen garantiert einfach "Höhepunkte". Und wer jetzt lächelt und an Sex denkt - weit gefehlt, denn wie habe ich heute sinngemäß auf dem Reiseblog "Anirishmanontour" gelesen: "Ich hatte einen Reizüberflutungssorgasmus." Das trifft es. Wenn ich in einer Umgebung stehe, die ich nicht kenne, etwas Neues entdecke oder erfahre, Schönheit wahrnehme, dann ist das wie ein Gewitter im Sommer mit anschließendem Regenbogen. Dann bin ich einfach glücklich.

Ja und  wenn es ganz schlimm mit dem Fernweh ist und ich wirklich nicht reisen kann und auch der Globus langweilt, dann gibt es ja noch all die tollen Reiseblogs, auf denen man quasi mitreisen kann. Will sagen: Fernweh ist eigentlich gar nicht so schlimm. Im Gegenteil. Es treibt mich an. Es bringt mich zum Handeln. es lockt mich aus der Haltung "Das geht jetzt gerade nicht, weil..." heraus und lässt mich nach Möglichkeiten suchen.

Insofern: Willkommen Fernweh! Bald geht es nach Südtirol! :-)

Aber vorher: Wie sieht es bei Dir aus? Kennst Du Fernweh und was tust Du dagegen? Ich freue mich auf Eure Kommentare.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen