Montag, 1. September 2014

Hiddensee - eine kleine Hommage

Der dritte Tag meiner Rügen-Reise führt mich nach Hiddensee. Ein Ausflug, auf den ich mich ganz besonders freue, denn Hiddensee ist eine Perle. Ein Land-Seepferdchen, das den großen Stürmen trotz, sich ständig verändert und doch nicht anders wird. Ein Kleinod, ein Zufluchtsort, Glücksbringer, Ruhepol, Heimat und Hafen. Für mich ist Hiddensee vor allem eins: ein unbeschwerter Teil meiner Kindheit.


Dabei war es zu DDR-Zeiten gar nicht so leicht, auf Hiddensee ein Quartier zu ergattern. Wie Uwe Gering neulich auf Spiegel Online schrieb, mussten 90 Prozent der vorhandenen Unterkünfte "dem Feriendienst der Staatsgewerkschaft FDGB zur vertraglichen Nutzung gemeldet werden." Ein Quartier von den übrig gebliebenen zehn Prozent zu erwischen, war beinahe aussichtslos - es sei denn man kannte jemanden, der jemanden kannte und so weiter. Und so ließ uns das eine Hand wäscht die andere Prinzip, das in der DDR vorbildlich funktionierte, einige Jahre hintereinander in den Genuss einer Unterkunft auf Hiddensee kommen.

Hiddensee war mein Bullerbü und ein bisschen ist davon bis heute geblieben. Auch wenn die Insel von Tagesbesuchern bevölkert wird, sich an vielen Stellen moderner, touristischer und konsumkonformer zeigt als damals und die Urlauberstruktur sich verändert hat.

Waren die Urlauber früher einerseits sozialistisch elitär, andererseits künstlerisch oder dem DDR underground zugehörig, so buchen heute überwiegend die "Ökoschwaben" und "Bionade-Biedermeier", wie Henning Sussebach diesen Schlag Menschen in einem Zeit-Artikel nennt, gern ihre Quartiere auf der Insel. Trotzdem gibt es den alten DDR-Underground immer noch. Der trifft sich zum Beispiel, wenn die Berliner Jazzsängerin Pascal Wroblewski in der Inselkirche auftritt, oder das Gros der Ferienurlauber im September die Insel wieder verlassen hat. Dann wird es stiller auf Hiddensee und schließlich zeigt er sich - der alte Charme, der alte Inselgeist. Dann wird Hiddensee gleichzeitig zur Muse und zum Gedicht, was jene lesen und interpretieren können, die dieses Stück Land tief in ihr Herz geschlossen haben.

Als das Wassertaxi im Hafen von Kloster anlegt und ich die ersten Schritte Richtung Strand gehe, kommen mir die Tränen. Ich weiß es sofort - es ist der Geruch, der mich augenblicklich in meine Kindheit zurückversetzt. Der all die Abenteuer herüberweht und all das Glück zurückholt, das ich hier je gefunden habe. Ich sehe sofort, wie wir damals Jahr für Jahr angekommen sind, unser Gepäck im Bollerwagen verstaut haben und Richtung Grieben gelaufen sind. Ich sehe mich, wie ich mit der Milchkanne zum Bauern laufe um Milch zu holen. Spüre die harte Bank unter mir, während ich im Zeltkino sitze und vorn auf der Leinwand "Lady Chatterleys Liebhaber" gespielt wird. Ein Film, für den ich viel zu jung war. Aber es waren Ferien und allein zuhause wollte man mich nicht lassen. Also durfte ich mit.

Ich muss lächeln und schon im nächsten Moment schmecke ich die Fassbrause, die ich immer im Enddorn getrunken habe, sehe mich über die Hügel rennen, am Strand nach Bernsteinen und Fossilien suchen, fühle die Unendlichkeit des Seins im Takt der Wellen, die an den Strand rollen und spüre gleichzeitig die zarte Vergänglichkeit allen Lebens, während meine Jacke beim Strandspaziergang im Wind flattert.


Der Rettungsschwimmer vom Strandabschnitt Kloster weckt mich jäh aus meinen Träumen. Ach so ja - Hunde sind am Strand nicht erlaubt. Er drückt mir einen Prospekt in die Hand und lächelt freundlich. Ich frage ihn, ob er weiß, wo der verendete Schweinswal liegt, der vor ein paar Tagen angespült wurde. Er zeigt nach Norden. "Da müssen Sie ein ganzes Stück laufen!" Ja ich weiß, denke ich. Der Weg ist mir vertraut.

Ich überlege, ob ich mir - so wie überwiegend alle hier, auch ein Fahrrad miete. Das scheitert allerdings daran, dass es bei drei Ausleihstationen keine Räder mehr gibt. Also mache ich mich zu Fuß auf den Weg. Ich will hoch zum Dornbusch, der nördlichen Kuppe von Hiddensee. Dort waren wir oft am Strand, bis der Wind und die Ostsee ihn abgetragen, weggespült und an anderer Stelle wieder abgelegt haben.

Heute ist vom einst breiten Strand nur noch ein schmaler, steiniger Streifen übrig, der nicht zum Verweilen, aber zum Wandern und Fossilien sammeln einlädt. Um dort hinzukommen, muss man sich vom Hafen Kloster aus gesehen rechts halten, die alte Hauptstraße entlanglaufen, Kloster und Grieben hinter sich und den Leuchtturm linkerhand liegen lassen.


Dann führt die alte Betonstraße, die es schon damals gab, bis hoch zum Nationalpark, geht in einen schmalen Weg über, der dann vorbei an Sanddornbüschen direkt am Strand endet. Ich nehme mir vor, den Strandweg bis zur Treppe, auf der man hoch zum Leuchtturm und zur Gaststätte "Zum Klausner" steigen kann, zurückzugehen. Das sind ungefähr fünf Kilometer, wobei ich gestehen muss, dass einige Strandabschnitte eigentlich gesperrt sind, weil die Steilküste nach mehreren Abbrüchen nicht mehr sicher ist. Ich wage es trotzdem, muss allerdings an einer Stelle durchs hüfthohe Wasser waten, weil es dort überaupt keinen Strand mehr gibt.



Wie bei allen Strandspaziergängern, die sich hier tummeln, ist auch mein Blick nach unten gerichtet, denn nirgends findet man so viele Fossilien und Bernsteine wie hier.  Ab an an schaue ich nach meinem Hund, der freudig durchs Wasser tollt und manchmal wandert mein Blick nach links, hoch an den steilen Abhängen und dann ist mir schon ein wenig mulmig. Zumal alle anderen die Warnung ernst zu nehmen scheinen, denn mittlerweile bin ich auf weiter Flur die einzige Spaziergängerin.

Das ist überhaupt immer so ein Phänomen für mich. Wenn man am Ende des Tages sieht, wie viele Tagesurlauber die Insel verlassen, man dann die regulären Urlauber und die Einwohner dazurechnet und das ins Verhältnis zur Inselgröße setzt, dann ist es wirklich erstaunlich, dass es immer noch Wege und Stellen gibt, wo man kaum einen Menschen trifft. Ich bin froh, dass ich diese Wegabschnitte kenne, denn meine Einsamkeit vom Strand ist schlagartigt beendet, als ich die Treppe zum Leuchtturm und von dort wieder runter nach Kloster gehe.


Schnell biege ich ab und nehme den Trampelpfad zum "kleinen Inselblick", der mich an Trockenwiesen, Gräsern, Sträuchern und Buschwerk vorbeiführt und mir die erste Begegnung meines Lebens mit einer Kreuzotter beschert. Die fühlen sich auf Hiddensee sehr heimisch und besonders in der Heide, also Richtung Neuendorf, sollte man achtsam sein. Naturliebhaber kommen übrigens auf Hiddensee voll auf ihre Kosten. Hier findet man viele Pflanzen und Tiere, die sich anderenorts schon zurückgezogen haben. Um das alles zu sehen und zu erkunden, reicht allerdings ein Tag nicht aus, aber man kann ersatzweise in das kleine, wirklich liebevoll ausgestattete Heimatmuseum in Kloster gehen und sich dort einen Überblick über Fauna und Flora verschaffen.


Ich wandere von Kloster weiter nach Vitte, wohl wissend dass sich der Tag bald dem Ende entgegen neigt und meine Stunden hier gezählt sind. Und schon vermischt sich Glück mit Wehmut. Und auch das ist mir vertraut. Die Tränen, die den Abschied begleiteten. Wenn das Boot Richtung Festland ablegte und die Ferien, die Freiheit, die Ostsee und die Insel plötzlich mit dem Horizont verschwammen.

Aber ein paar Stunden bleiben mir noch. Ich esse eine Kleinigkeit, dann wandere ich den Deichweg entlang, der vom Hafen Kloster bis zum Hafen Vitte führt und der in der tiefstehenden Spätnachmittagssonne einen herrlich weiten Panoramblick über den Bodden und auf die andere Seite bis zur Ostsee bietet.

Blick zurück nach Kloster
Vitte ist der größte Ort auf Hiddensee. Hier sitzt die Gemeindeverwaltung, gibt es eine Schule und den einzigen größeren Markt. Dementsprechend tummeln sich viele Menschen in dem Ort, der sich meiner Ansicht nach seinen Charakter nicht so bewahren konnte, wie Kloster und Grieben. Vitte wirkt auf mich wie jeder beliebige Urlaubsort, abgesehen vom Hafen und einigen kleinen Details, die man entdeckt, wenn man sich die Zeit nimmt, hinter die Fassaden zu schauen. Leider habe ich so viel Zeit heute nicht mehr. Und so schlendere ich noch ein wenig den Strandweg entlang, lasse mir den Wind um die Nase wehen und verabschiede mich mit der vorletzten Fähre, die heute geht, wehmütig von meiner geliebten Insel.


Natürlich komme ich zurück. Spätestens dann, wenn die Sehnsucht anklopft und mich wie magisch Richtung Hiddensee zieht.

Ich sitze auf der Fähre, schaue hoch und sehe oben an Deck ein älteres Ehepaar. Braun gebrannt mit weißen Haaren stehen sie Wange an Wange geschmiegt dort und schauen zu, wie die Insel immer kleiner, der Abstand zu ihr immer größer wird. Ich kenne diesen Blick. Er sagt genau das, was ich fühle: "Mach's gut, meine Liebe. Wir sehen uns wieder und in der Zwischenzeit sind wir im Herzen immer verbunden."

Fazit: Ich kenne Menschen, denen gefällt Hiddensee überhaupt nicht. Öde, langweilig, nichts los und spätestens nach drei Tagen bekommen sie den Insel-Koller. Vielleicht ist es eine gewisse Eigenart, die jene vereint, die diese Insel so schätzen. Was man hier findet, lässt sich am besten mit den Worten Lebensgefühl oder Statement umschreiben. Ja Hiddensee ist ein Statement - für Natur, Poesie und Sinnlichkeit. Diese Insel ist keine Attraktion - eher ist sie wie ein Roman. Man muss schon eintauchen, um den Inhalt zu verstehen.

Kommentare:

  1. Liebe Jeanette,
    hab' grad eine vergnüglich, interessante und unterhaltsame Lesereise hinter mir. Bin ja auch gerne und viel unterwegs, aber Couch-travelling hat auch seine Reize - wenn man durch Zufall bei solchen Texten anlegen kann!
    Hab eine feine Zeit
    Elisabeth

    AntwortenLöschen
  2. Danke für diesen netten Kommentar, liebe Elisabeth!

    AntwortenLöschen
  3. Liebe Jeanette,
    ich danke dir für deinen reizenden Besuch. Freue mich sehr, dass es dir bei mir gefällt. Freu mich schon auf dein/mein nächstes Lesefutter
    Elisabeth

    AntwortenLöschen
  4. So schöne Bilder... ich glaube ich brauche auch endlich mal eine gescheite Kamera, statt dem Handy das ich momentan noch für Bilder verwende...

    AntwortenLöschen