Montag, 29. September 2014

Da wo sich die Geister scheiden - Büsum

Es gibt Orte, über die müsste man nicht schreiben. Die könnte man auch als OneDayTraveler einfach kommentarlos an sich vorbeiziehen lassen und dann schnell wieder vergessen. Büsum ist für mich so ein Ort und ich hätte garantiert auch kein Wort über Büsum verloren, wäre da nicht die Tatsache, dass ich einige Menschen kenne, die Büsum ganz toll finden und ich mich bis heute noch frage, wieso? Eine Spurensuche.



Fangen wir am Anfang der Geschichte an. Vor ein paar Wochen lockte mal wieder ein fast freies Wochenende. Klar war, ich muss nach Hamburg um dort etwas abzuholen, aber um diesen Termin herum gab es genug Zeit. Also zückte ich die Karte, wanderte mit dem Finger um Hamburg und schaute, was so im erweiterten Umkreis liegt und interessant sein könnte.

"Lass uns an die Nordsee fahren!" sagte mein Mann. "Machen wir." antwortete ich spontan, obwohl ich in Gedanken eigentlich gerade schon verträumt die Ostseeküste entlangschlenderte. Ich war bisher nur ein einziges Mal an der Nordsee. Irgendwo bei Husum. Das war allerdings über zehn Jahre her, insofern Zeit für eine Auffrischung.

Weil wir nicht direkt hinfahren wollten, legten wir am Freitag einen Zwischenstopp in der Lenzerwische ein und tuckerten dann gemütlich und aufgefüllt mit großartigen Naturbildern und vielen Eindrücken am frühen Samstagmorgen Richtung Büsum. Vielleicht war das mit dem Zwischenstopp der Fehler, denn schon auf der Strecke fing ich an zu vergleichen und dachte hin und wieder: "Hmm...ganz schön öde hier.", wohlwissend, dass sich natürlich eine Landschaft nicht beurteilen lässt, wenn man auf einer Fernverkehrsstraße im Auto sitzt und nach links und rechts schaut.

Aber der Eindruck blieb und er wurde auch in den nächsten Stunden nicht besser. Auch nicht, als wir Büsum erreicht hatten. Im Gegenteil. Wir stellten das Auto am Hotel ab und spazierten Richtung Nordsee. Die war gerade weg, vor uns lag ein nebelverhangenes Watt und ein maximal fünf Meter breiter Grünstrand. "Hmm..." dachte ich wieder und suchte in mir nach der Verzückung, die mich sonst durchströmt, wenn Weite sich ausbreitet und ein Meer rauscht.



Nichts. Weder ein Funke, noch ein Zauber ließen sich blicken. Ich zog die Schuhe aus, stapfte etwas lustlos durch das Watt, schaute ab und an in der Ferne, dann wieder zum Grünstrand und fing an, mich nach der Ostsee zu sehnen. Daran konnte auch die Sonne, die sich redlich bemühte, durch den dichten Nebelvorhang zu scheinen, nichts ändern. Ich fand es trostlos und das einzige, was mich am Ende bei unserem Wattspaziergang dann doch noch fesselte und mir ein Lächeln in das Gesicht zauberte, war das Geräusch, das durch das zurücklaufende Wasser verursacht wurde und die vielen winzig kleinen Priele und Sandwurmhügel, die ein wirklich schönes Muster in das Watt zeichneten.


Büsum selbst lag nach wie vor im Nebel, die sich abzeichnende Kulisse ließ allerdings schon erahnen, was uns erwartete. Ein architektonisches Geschwobel der Sechziger und Siebziger, gewollte Bäderarchitektur, die keine ist und dazwischen ein bisschen Hafenatmosphäre, Einkaufs- und Ramschmeile und Leerstand ohne Ende. Irgendetwas musste hier verdammt schiefgelaufen sein, dachte ich, während ich fast über einen Mann stolperte, der den Junggesellenabschied schon am Nachmittag verschlief, unten vom Hafen her laute Musik johlte und Menschen sich in trauter Küstennebelseligkeit zuprosteten.

Büsum im Nebel





Aus meinem "Hmm..." wurde mehr und mehr ein "Oh mein Gott!" während wir uns an vielen Gehhilfen, Rollatoren und Freizeitjackengeschwadern vorbeidrängten. Ich schätze mal, wir haben an diesem Tag mit unserer Anwesenheit den Altersdurchschnitt in Büsum um zehn Jahre nach unten korrigiert. Das meine ich nicht despektierlich, ich glaube sogar, dass das meine Frage vom Anfang beantwortet.

Nach Büsum kommen Menschen, die schon immer nach Büsum gefahren sind. Das erkennt man auch an den Gravuren am Leuchtturm. Die, bei denen all die Jahre untereinander eingeritzt sind, in denen man mit der Familie hier Urlaub gemacht hat. Damals, als die Mauer noch stand und der Timmendorfer Strand und Sylt zu teuer waren. Oder damals, als die Mauer gerade gefallen war und der Ostseegelangweilte Ostdeutsche endlich an die Nordsee durfte.

Büsum lebt heute noch von seiner Vergangenheit. Von der Aufbruchsstimmung der Sechziger und Siebziger, wo jeder bauen durfte, wie er wollte und man noch nicht in den Osten zu den Kommunisten fuhr. Büsum ist für mich alten Ossi der Inbegriff des klassischen, ursprünglichen Westens. Die Stadt bietet ein Bild, das sich an vielen Ecken ehemals Westdeutschlands heute finden lässt. "Vernachlässigt" ist ein Attribut, das den Zustand gut beschreibt. Vernachlässigt, weil man dachte, dass das mit dem Wirtschaftswunder einst und dem plötzlichen Zustrom der vielen neuen Besucher nach dem Mauerfall ewig so weiter geht und man nicht viel tun muss, um Besucher anzulocken.


Während sich aber der Osten hier und da kräftig gemausert hat, den Staub des sozialistischen Einheitsbreis weggefegt und sich seinen Charme zurückerobert hat, verschlafen traditionelle westliche Ausflugs- und Urlaubsmagneten diese Entwicklung. Sie ruhen sich auf etwas aus, das längst vergangen ist oder verfügen nicht mehr über die Finanzkraft privater oder öffentlicher Investoren. Damit werden solche Städte wie Büsum unattraktiv und es wird nicht mehr lange dauern, dann bleiben sie leer, weil ihnen die Besucher und Fans von einst weggestorben sind. Junge, reiselustige Leute kommen eher selten als Feriengäste, es sei denn, sie sind Nostalgiker und haben Büsum aus ihrer Kindheit irgendwie in guter Erinnerung.

Wir werden trotzdem wiederkommen, aber nur aus einem einzigen Grund. Weil eine gute Freundin von mir dort geboren ist und mir geschworen hat, dass es wirklich sehr schöne Ecken gibt, die man allerdings kennen muss. Ich lasse mir damit Zeit, vielleicht wächst ja unter der maroden Fassade etwas, das in zehn oder zwanzig Jahren in neuem Glanz erstrahlt. Bis dahin denke ich mit einem Schmunzeln im Gesicht an die schönen weiten Salzwiesen, die um Büsum herum in Dithmarschen liegen und die mich am Ende unseres Wochenendausfluges ein bisschen mit der Region versöhnt haben.



Kommentare:

  1. Ich zähle mich zu jenen Kindheitsnostalgikern, und betrachte das Örtchen daher stets mit rosaroter Brille. In vielen Dingen muss ich Dir, wenn ich diese absetze, zustimmen: Büsum ist, wenn man es ganz hart ausdrückt, ein Alte-Leute-Urlaubsort, wohin Kinder allenfalls mitgeschleift werden. Sicherlich würde ich nach objektiven Maßstäben kaum jemandem empfehlen, dort zu urlauben. Allerdings ist mein letzter Besuch nun auch schon vier Jahre her (erneut mit meiner Familie), und auch mir ist aufgefallen, dass vieles dahinbröckelt. Auch der Leerstand war in den Achtzigern und Neunzigern noch kein Problem. Am Strand wurde, soweit ich informiert bin, mittlerweile unheimlich viel umgebaut, nachdem in den vergangenen Jahre Deiche restauriert werden mussten. Den ganz aktuellen Stand kenne ich also nicht, aber ich glaube - fürchte - dass es wirklich bergab geht. Daher nehme ich Dir auch nichts übel, auch wenn ich es ein bisschen schade findet, dass der Ort, den ich so mag, bei anderen Leuten eher Antipathie hervorruft.

    Für mich ist Büsum ein bisschen so, wie wenn man Oma und Opa besuchen fährt. Nicht mehr modern, manchmal irgendwie komisch, gelegentlich auch nervig, aber man liebt sie trotzdem. :)

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  2. Danke Markus für Deinen Kommentar. Antipathie würde ich es gar nicht nennen. Ich finde es immer schade, wenn Potential so stiefmütterlich behandelt wird. Das, was Du in den letzten beiden Sätzen schreibst, ist toll formuliert und trifft es auch noch mal auf den Punkt! Sie haben übrigens eine "Familienlagune" gebaut, der junge Familien anlocken soll. Mit dem Hund durften wir dort aber nicht hin, insofern kann ich nichts dazu sagen.

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