Dienstag, 26. August 2014

Rügen - hoch oben im Norden

Fünf Tage Rügen ohne Plan. Allein mit Hund. Mich einfach nur treiben lassen. Die Insel erkunden, entdecken, erforschen. Ich brauche nicht lange, um mich für die erste Station der Reise zu entscheiden. Die Halbinsel Jasmund, konkret der Nationalpark Jasmund mit seinen weißen Kreidefelsen, der Steilküste und einem Buchenwald, der zum Niederknien schön ist, war schon immer ein Magnet für meine Wanderlust. Doch bis dahin sind es ein paar Kilometer und vorher kommt noch der  Moment der Überfahrt auf die Insel.

 Als ich Kind war, haben wir die Ferien oft auf Hiddensee verbracht. Wir sind morgens gefühlt "mitten in der Nacht" losgefahren und irgendwann gegen sieben in Stralsund angekommen. Damals gab es die neue Brücke noch nicht, dafür ein Mitropa-Restaurant kurz vor der alten Brücke, wo wir immer einen Stop einlegten, bevor es weiterging nach Schaprode und wo ich das erste Bauernfrühstück meines Lebens gegessen habe. Es gibt Erlebnisse, die brennen sich ein, die vergisst man nicht und so sehe ich auch heute noch, während ich mich über die 2830 Meter lange Rügenbrücke bewege, den alten Rügendamm, die Werft und für einen kurzen Moment rieche ich den Rauch der Zigaretten, den die Hafenarbeiter in den Raum blasen, während ich mein Bauernfrühstück esse.

Die Rügenbrücke

Auf eine Insel zu fahren - egal ob mit dem Boot oder mit dem Auto, hat für mich immer die Qualität von: etwas Altes hinter sich zu lassen und etwas Neuem zu begegnen. Der Abschied vom Festland ist nicht schwer. Er ist von Vorfreude geprägt und wird durch den Anblick der Segelboote auf dem Strelasund versüßt. Die Begegnung mit Rügen auf den ersten Kilometern dagegen ist nicht unbedingt charmant. Meist steht man im Stau, bemerkt die ersten Kreuze am Wegesrand, fährt entlang der Bahntrasse und durch Orte, die nichts von der Urlaubsatmosphäre vermitteln, die man erwartet. Ich bin sicher, dass jeder, der Rügen nicht kennt und zum ersten Mal auf die Insel kommt, zunächst enttäuscht ist. Für die, die es kennen, ist es ähnlich wie ein Elternabend. Man hat nicht unbedingt Spaß, aber er gehört nunmal zum Alltag von Eltern, die ein schulpflichtiges Kind haben, dazu. Also geht man hin, sowie man hier eben einfach weiter fährt.

Mittlerweile ist es Mittag. Ich komme in meinem Quartier an, werfe schnell mein Gepäck ab und fahre mit kindlicher Vorfreude auf dem Beifahrersitz Richtung Sassnitz. Schon während der Fahrt wandelt sich das Bild des ersten Eindrucks. Rügen öffnet sich und zeigt ein wenig von seiner Weite, seiner Schönheit. Ortsnamen wie Binz, Göhren und Sellin lassen die Bilder von Stränden, Sonne auf der Haut, Sandkuchen backenden Kindern und Bäderarchitektur aufblitzen. Aber das ist heute nicht mein Ziel.

Ich will weiter, zum Parkplatz Nummer 5 kurz hinter Sassnitz. Hier stelle ich mein Auto ab, laufe durch den Wald am kleinen Tierpark vorbei, bis irgendwann der Hinweis "STRAND" auftaucht. Noch ein paar Meter durch dichtes Gestrüpp, dann öffnet sich das Panorama und mein Herz hüpft vor Freude. Da ist sie, meine geliebte Ostsee. Das - gemessen an anderen Ozeanen - kleine Binnenmeer, das zwar keine gigantisch hohen Wellen an die Küste wirft, die Gezeiten nur mit geringem Tiedenhub anzeigt, aber trotzdem seit ich denken kann, unangefochten Platz 1 meines persönlichen Meer-Rankings behauptet. Ich weiß nicht, ob es am ganz eigenen Geruch, an den Farben, oder den Erinnerungen liegt, ich weiß nur, dass ich große Sehnsucht verspüre, wenn ich lange nicht hier war und es mich jeden Mal wieder schmerzt, wenn ich abreisen muss.



Aber jetzt bin ich hier. Schnell die Schuhe ausziehen und die Füße in den Ostseesand tauchen. Ich leine den Hund ab, der sofort ins Wasser springt, freudig bellt und dann wandere ich los. Es ist früher Nachmittag - wenn ich zügig vorankomme, schaffe ich die acht Kilometer bis zum Königsstuhl am Wasser entlang. Zurück will ich über den Hochuferweg gehen, mich zwischen den hohen Buchen verlieren und ab und an die herrliche Sicht über die Steilküste und das Wasser genießen.

Der Buchenwald vom Jasmund

Da das Wetter kein August- sondern eher ein Septemberwetter ist, hält sich die Anzahl der Touristen in Grenzen. Überhaupt ist hier weit weniger los, als oben am Königsstuhl und je weiter ich gehe, umso leerer ist der Strand. Die meisten Wanderer, die ich treffe, haben den Blick nach unten gerichtet, suchen Bernsteine und Fossilien, die man hier reichlich finden kann. Normalerweise gehöre ich auch zu den Sammlern, aber heute ist mir nach Weite und danach, mit allen Sinnen meine Umgebung aufzunehmen und so genieße ich die Frische, den eigentümlichen Geruch, den die Ostsee, der Schlick, der Strand, die warmen Steine und das Festland verströmen und den es an keinem anderen Meer in dieser Zusammensetzung gibt. Ich tanze über die großen Felsbrocken, die nun ganz dicht beeinanderliegen und den Sand unter sich begraben haben und freue mich wie ein Kind über das Geräusch, das die Steine verursachen, die vom Sog, der nach einer Welle kommt, ins Meer zurückrollen und dabei lustig über andere Steine purzeln. Klack, klack, klack...


Irgendwann vergesse ich die Zeit. Ich habe keine Ahnung, wie weit ich schon gegangen bin. Die Schuhe muss ich wieder anziehen, da der steinige Boden meine verwöhnten Großstadtfüße überfordert. Die Steilklippen sind beeindruckend, trotzdem ahnt man schon, dass diese Schönheit, diese Pracht vom Meer nicht verschont werden wird. Dass es eine Frage der Zeit ist, wie lange man an diesem Strand noch spazieren gehen kann. Das Leben ist ein steter Wandel. Ein Werden und Vergehen, wie die Wellen, die durch den auffrischenden Wind nun vehementer ans Ufer rollen. Wie die Bäume, die eben noch in voller Pracht auf der Klippe stehen und morgen schon in die Tiefe stürzen können, um am Strand vom Wind und dem Wasser entlaubt und glattgespült zu werden.


Nach gut fünf Kilometern breche ich meine Wanderung Richtung Königsstuhl ab. Nicht, weil ich müde oder gelangweilt wäre. Eher ist es die Lust auf etwas, das ich noch nicht gesehen habe. Das ich noch nicht kenne. Außerdem haben sich die Wolken verzogen und einen Sonnenuntergang am Strand zu erleben, ist hier oben ein Muss. Doch um die Sonne untergehen zu sehen, hieße es, entweder bis ganz nach oben zum Kap Arkona zu laufen, was mehr als ein halber Tagesmarsch wäre, oder eben die Seite zu wechseln und auf die Halbinsel Wittow zu fahren. Ich entscheide mich für die Autofahrt, steige die Treppen hoch zum Hochuferweg und genieße den Rückweg nicht weniger als meine Strandwanderung, denn hier oben hat man nicht nur diesen zauberhaften Märchenwald um sich herum, sondern hin und wieder auch einen wirklich beeindruckende Sicht über die Kreideküste.


Der Weg zum Sonnenuntergang führt mich über die sogenannte Schabe - ein schmaler Landstrich, der die Halbinseln Jasmund und Wittow verbindet und den Großen Jasmunder Bodden von der Ostsee trennt. Das Attraktive an diesem Stück Land ist neben den wirklich schönen und kinderfreundlichen Sandstränden, dass man an manchen Stellen Bodden und Ostsee gleichzeitig sehen kann. Fast trunken von so viel Pitoreskem lasse ich das Kap Arkona rechts liegen und fahre weiter auf eine Landzunge, auf der sich der Ort Dranske befinde. Dranske selbst ist nicht wirklich schön. Warum, das erfahre ich erst später, als ich beim Essen in meinem Reiseführer blättere. Ursprünglich ein Fischerdorf, wurde dort zu DDR-Zeiten ein Militärstützpunkt und mit ihm die unansehnlichen Plattenbauten errichtet.

Als ich aus dem Fenster sehe, den Leuchtturm von Hiddensee wahrnehme und kurz überschlage, wie weit es bis nach Dänemark oder Schweden ist, wird mir klar, warum dieser Punkt strategisch wichtig war und man unbedingt verhindern wollte, dass fluchtbereite DDR-Bürger hier in See stechen. Aber das ist Gott sei Dank Geschichte und so schiebe ich schnell die Gedanken an meine eigene DDR-Vergangenheit beiseite, bezahle und gehe an den Strand, wo die Sonne sich langsam dem Horizont nähert, während die Wolken sich wieder verdichten und der Wind mir kraftvoll die Haare ins Gesicht und meinem Hund die Ohren fast in die Waagerechte weht.


Ich setze mich auf einen Stuhl, der einsam und verlassen an der Düne steht und genieße den Augenblick. Schön ist es, hier zu sein. Schön ist es, unterwegs zu sein. Keine zwölf Stunden her, da habe ich meine Taschen ins Auto geräumt und bin über die Stadtautobahn, vorbei am Häusermeer Berlins durch den Großstadtlärm gefahren. Hier ist es auch laut. Aber anders. Wohlklingender und trotzdem wilder. Ich will verweilen, den Augenblick festhalten, alles einsaugen, um die Bilder später wieder hervorzukramen, gleichzeitig weiß ich, wie sinnlos das ist. Wie die meisten Erinnerungen selbst auf den brilliantesten Fotos verblassen und wahres Glück, wahre Lebendigkeit sich immer nur im Augenblick, im Jetzt entfalten kann.

Ich warte nicht, bis die Sonne untergeht sondern schlendere noch ein Stück am Strand entlang, dann gehe ich zurück zum Auto. Erfüllt, beseelt und glücklich. Dass ich die Sonne im Rückspiegel doch noch untergehen sehe, dass ich ohne den Fahrplan zu kennen, die letzte Fähre  erwische, die Wittow und Zentralrügen verbindet, das sind weitere Geschenke, die mir dieser erste Tag beschert. Irgendwie habe ich mich wieder, denke ich. Irgendwie habe ich mir mit diesem ersten Tag ein Gefühl zurückerobert, das ich im Alltagsgetümmel manchmal verliere und das sich am besten mit dem Wort Selbstwirksamkeit umschreiben lässt oder mit einem Satz, den der Dramatiker Christian Friedrich Hebbel gesagt hat:  

Eine Reise ist ein Trunk aus der Quelle des Lebens.










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