Donnerstag, 1. Mai 2014

Schloss Plaue bei Brandenburg an der Havel


Bevor ich mit Ihnen wieder nach Italien reise und durch die Städte Vicenza, Venedig und Meran spaziere, machen wir einen kleinen typischen Onedaytraveler-Abstecher ins Brandenburger Land. Dafür setzen wir uns ins Auto, fahren Richtung Brandenburg an der Havel und biegen - sofern wir aus Berlin kommen - gleich hinter der neuen Havelbrücke in Brandenburg ab, denn dort liegt das kleine alte Fischerdorf Plaue mit seinem Schloss, seinem Park und der Schloss-Schänke.


Der Ort, die Umgebung und das Schloss sind auf jeden Fall einen Besuch wert. Ideal für einen Tagesausflug, aber auch um länger zu verweilen, um Feste zu feiern, Freiluftveranstaltungen zu besuchen, auf Fontanes Spuren zu wandeln oder mit dem Hausboot die Havel entlangzuschippern und unter der alten Havelbrücke durchzufahren, die bis 2003 Teil der Bundesstraße B1 war.

Ursprünglich gab es an dieser Stelle eine Holzbrückenkonstruktion, die von 1837 an  67 Jahre treue Dienste leistete. Weil sie dann aber dem zunehmenden Verkehr nicht mehr gewachsen war, ersetzte man sie durch eine Stahlbrücke, die am 15. Oktober 1904 freigegeben, im 2. Weltkrieg zerstört und danach für den Fernverkehr wieder aufgebaut wurde. Zu DDR und Nachwendezeiten Verkehrs-Nadelöhr, heute nur noch für Fußgänger und Radfahrer zugelassen, ist diese Brücke ein beeindruckender Zeitzeuge alter Handelswege und wenn man sich die Zeit nimmt, von der Schloss-Schänke aus den Blick ein wenig auf ihr verweilen zu lassen, wird die Geschichte plötzlich lebendig. Dann sieht man Pferdewagen, Kutschen, Armeefahrzeuge und Blechlawinen an den jetzt noch erhaltenen Jugendstilelementen vorüberziehen. Leider verfällt die Brücke zusehens, was wirklich schade ist, denn sie zählt zu den wenigen noch begehbaren Stahlfachwerkbrücken dieser Region.



Das Schloss Plaue hat ähnlich wie die Brücke seit seiner Erbauung im 13. Jahrhundert einiges erlebt. Kriege, Eigentümerwechsel, die Nutzung als Lazerett, Enteignung, Plünderung und eine wirklich stiefmütterliche Behandlung zu DDR-Zeit und Nachwendezeiten. Unsensibel wie bei vielen herrschaftlichen Anwesen stutzte man den prachtvollen Barockbau auf das zurück, was der Sozialismus gerade noch so akzeptieren konnte, entfernte Dekorationselemente, verputzte das Gebäude im DDR-Stil mit Rauputz und verbaute das Innere komplett um den Bau als Sprachinstitut zu nutzen. Das wurde dann allerdings 1993 geschlossen und von da an erging es dem Schloss Plaue ähnlich wie vielen anderen Herrenhäusern und Schlössern in Deutschland, für deren Restauration der Staat kein Geld hat - man ließ es einfach verfallen und hoffte auf einen Investor.


Der war dann glücklicherweise 2006 gefunden und seither hat sich auf dem gesamten Schlossgelände viel getan. Die Schloss-Schänke wurde liebevoll restauriert und im Gästehaus des Schlosses laden zehn Apartments zum Übernachten ein. Auf dem Wasser liegen drei Hausboote, die gemietet werden können und die weiteren Nutzungspläne für das gesamte Objekt sind wirklich vielversprechend. Zu dem hat sich das Schloss Plaue mittlerweile als kultureller Standort nicht nur für die Plauer und Brandenburger Einwohner, sondern auch für die Berliner etabliert.

Es gibt wechselnde Ausstellungen, das Sommer-Freiluftkino, jedes Jahr ein eindrucksvolles Osterfeuer, einen regelmäßig stattfindenden Schlossmarkt, Konzerte und wer demnächst Lust darauf hat, die Fußball-WM inmitten einer herrschaftlichem Kulisse zu genießen, der kann das im Schlosshof tun, denn alle Spiele der deutschen Nationalmannschaft werden auf einer Großbildleinwand übertragen.

Hier ein paar Impressionen vom diesjährigen Osterfeuer:




Wer im Schloss Plaue nächtigt, der hat einen guten Ausgangspunkt für viele Aktivitäten. Egal ob zu Wasser, zu Fuß oder per Fahrrad - das Umland hat viel zu bieten. Das kleine Fischerörtchen Plaue ist wirklich sehenswert. Hier atmet noch ein alter Geist. Hier sind Tradition, Verfallenes und Modernes auf ganz hinreißende Art vereint. Keine Ecke, an der man nicht irgendein Detail entdeckt, das sehenswert ist, kunstvoll oder wirklich pitoresk. Kein Wunder also, dass sich zunehmend Künstler hier niederlassen. Neben der Kultur hat auch der Fischfang in Plaue eine lange Tradition, wer also frischen Fisch fangen oder essen möchte, der ist hier genau richtig.




Dann Brandenburg - eine wirklich verkannte Stadt, der man auf den ersten Blick nicht viel abgewinnen kann. Doch ein zweiter Blick lohnt sich.
Brandenburg wurde in seiner langen Geschichte nicht nur einmal schwer gebeutelt. Das sieht man dieser Stadt an und man muss nicht einmal die sensiblen Antennen ausfahren, um zu spüren und zu sehen, dass die zurückliegenden Erfahrungen tiefe Narben hinterlassen haben. Zwar liegt die Arbeitslosenquote in Brandenburg nach der schweren Wirtschaftskrise 1929, dem 2. Weltkrieg und der Teilschließung des Stahlwerkes 1993 heute mittlerweile wieder unter zehn Prozent, trotzdem fehlt meines Erachtens den Stadtvätern und Einwohnern offensichtlich noch ein Gespür dafür, wie man die wirklich exklusive Lage Brandenburgs, die Historie und die Schätze einnehmender und stolzer präsentieren kann. Vielleicht ist das aber auch nicht ihr Ding - auch das hätte dann seinen Charme und könnte kommuniziert werden.  Man sagt ja den Brandenburgern eine gewisse Stoik und Maulfaulheit nach, das stimmt zum Teil, trotzdem sitzt das Herz am rechten Fleck.
Ich werde der Stadt Brandenburg demnächst noch einen eigenen Eintrag widmen.

Wir wandeln jetzt zurück auf Fontanes Wegen zum Schlosspark des Schloss Plaue, denn der ist wirklich märchenhaft.


Vorbei an über hundertjährigen Bäumen durchqueren wir den traumhaft schönen Landschaftspark, der sich entlang des Westufers des Plauer Sees ausbreitet. Zur Schloss-Anlage gehört noch der ehemalige Tontaubenschießplatz von dem aus man einen herrlichen Ausblick über den See, den Ort Kirchmöser und die alte Pulverfabrik hat.


Und wer sich jetzt noch nicht sattgesehen hat, oder sich einfach nur entspannen will, der folgt mir in die Schloss-Schänke und lässt bei einem Bier, einem Wein oder bei einem leckeren Stück Kuchen das Wasser und die Boote an sich vorbeiziehen, lauscht dem Plätschern der Havel und dem Geschrei der Wasservögel.
Es ist wirklich unbeschreiblich, wie viel Gelassenheit dieser Ort trotz oder vielleicht gerade aufgrund seiner Geschichte ausstrahlt. Egal ob am Ende der Tagesreise oder gleich zu Beginn. Man kommt an und augenblicklich fällt alle Last von einem ab. Alle Sorgen, Gedanken oder Gefühle kann man getrost dem Wasser oder den für diese Region typischen, langgezogenen Wolken überlassen und man möchte eigentlich nichts anderes, als Fontane spontan zustimmen, der sagte. "Uns gehört nur die Stunde. Und eine Stunde, wenn sie glücklich ist, ist viel."


Wer mehr wissen möchte: www.schlossplaue.de

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