Samstag, 12. Oktober 2013

Vineta ruft - ein Wochenendausflug nach Barth

 Angeblich sollen die Glocken bis heute zu hören sein. Die Glocken der stolzen Stadt Vineta, die einst verflucht wurde, weil die Bewohner Hochmut und Veschwendung zelebrierten. „Vineta, Vineta, du reiche Stadt, Vineta soll untergehen, weil sie viel Böses getan hat.“

Leider ist das mit dem Hören der Glocken so eine Sache, denn noch streiten die Gelehrten, wo denn Vineta eigentlich lag. Und es streiten nicht nur die Gelehrten. Auch die Orte Koserow, Wollin, Ruden und Barth sind sich nicht einig, wer den Titel "Vinetastadt" zu Recht verdient.

Meine Reise führt mich nach Barth. Nicht zum ersten Mal zugegebenermaßen und auch nicht wegen der versunkenen Stadt, sondern wegen des Speicher Hotels. Seit 13 Jahren bin ich dort regelmäßig zu Gast und ich werde es auch in den kommenden Jahren immer wieder sein, denn das Speicher Hotel erfüllt für mich die Kategorie "absolutes Wohlgefühl". Das fängt schon an, wenn ich von der Straße kommend am Yacht-Hafen rechts abbiege und mein Blick auf das wunderschöne Backsteinmauerwerk fällt. Je nach Jahreszeit leuchtet das Haus entweder in warmen Farben oder im für die Ostsee typischen Licht der "blauen Stunde".

Speicher an sich sind ja schon faszinierend, aber wie die Archtitekten Volker Giencke aus Graz und Claudius Pratsch aus Berlin aus diesem Gebäude ein Hotel der Extraklasse gezaubert haben, das ist schon bemerkenswert und zeigt eine unglaubliche Liebe für das Detail. Vom Weinkeller und der Sauna im Untergeschoss über jede Etage, jedes Zimmer bis hoch zu den Junior-Suiten unter dem Dach. Im Laufe der Jahre zeigt sich sicher an der einen oder anderen Stelle, dass ein Hotelbetrieb nicht spurlos an einem Gebäude vorübergeht. Das stört aber keinesfalls. Der gute Gesamteindruck bleibt auch Dank der sehr gastfreundlichen Crew und der immer wieder überraschenden Köstlichkeiten aus der Küche erhalten. Und spätestens dann wenn man in einer der Wintergartensuiten wohnt und über den Bodden bis zum Darß schaut, früh morgens die ersten Fischerboote über spiegelglattes Wasser ausfahren sieht, dem Nebelhorn lauscht  oder im Herbst den Kranichzug verfolgt, kann man sich nicht mehr sicher sein, nicht doch in der Ferne den Klang der Glocken von Vineta zu vernehmen, der nicht nur von Moral sondern vor allem auch von der Herrlichkeit, dem Reichtum und der Schönheit dieses Landstriches erzählt.

Obwohl der Ort Barth alles andere als eine Premium-Ostseelage hat, ist auch er sehr sehenswert. Zu DDR Zeiten etwas "lost in space", zu Wende- und Nachwendezeiten Spekulationsgebeutelt, erlebt er derzeit eine Art natürliche Gesundung. Ich weiß nicht, was passiert ist, aber ich habe den Eindruck, dass die Stadt und ihre Einwohner sich aus eigener Kraft an ihre Stärken und Schätze besinnen. Denn Barth hat viel zu bieten. Zum Beispiel eine sehr unübliche Stadt- und Straßenstruktur. Das sieht man, wenn man mal Google-Earth bemüht und von oben draufschaut. Auch ist die Lage als zweites Tor zum Darß besonders. In 15 Minuten ist man in Prerow oder Zingst und kann sich in den Ostseerummel stürzen. Highlight von Barth sind auch die restaurierte St. Marienkirche und der Fangelturm.

Aber auch die Gegend um Barth herum hat einiges zu bieten. Vor allem schöne Rad- und Wanderwege, die immer wieder den Blick auf die wunderschöne Boddenlandschaft freigeben. Eine besondere Attraktion ist im Herbst die Kranichrast, zu der es auch im Speicher Hotel jedes Jahr besondere Arrangements gibt. Unter anderem mit einer Bootsfahrt, bei der man den Einflug der majestätischen Vögel beobachten kann. Wer - so wie ich - noch dichter an die Tiere heran will und den allgemeinen Touristenrummel eher scheut, der sollte sich entweder aufs Rad oder ins Auto setzen und von Barth aus in Richtung Bodstedt/Fuhlendorf fahren, beide Orte hinter sich lassen und dann, wenn die Felder beginnen, sich einen geeigneten Parkplatz suchen. An einigen Stellen weisen kleine Aufsteller darauf hin, von wo aus man die Vögel gut beobachten kann. Und wer auf das "Mittendringefühl" aus ist, der sollte morgens ganz zeitig aufbrechen und sich auf einen der vielen getarnten Beobachtungsplätze setzen und warten.

Mittags kann man ganz zünftig in die Bodstedter Hafengaststätte "Am alten Hafen" einkehren und dort unter anderem ein fantastisches Matjetsfilet nach Hausfrauenart essen. Und wer aus der ehemaligen DDR kommt, der wird sich beim Blick auf die Karte über so manches Gericht und darüber freuen, dass es immer noch Orte gibt, an denen Zeit und Vergangenheit keine Rolle spielen. Liebhaber von Zeesenbooten kommen übrigens im Bodstedter Hafen voll auf ihre Kosten. Allerdings wird der Hafen derzeit saniert und darum voraussichtlich erst im nächsten Jahr wieder in seiner ganzen Pracht erstrahlen.


Wenn man dann am Sonntag um 11 Uhr aus dem Speicher Hotel auschecken muss, weil sich das Wochenende dem Ende entgegen neigt und man sich vom Ostseegefühl und dem Boddenblick schwer trennen  kann, dann lohnt sich zum Abschluss ein Ausflug nach Stralsund. Aber dazu ein anderes Mal mehr!


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